
Limonade
und Bitterstoff
Nach Pisa: Ein Blick auf den deutschen Sonderweg
Autor:
Reinhard Kahl, Journalist und Erziehungswissenschaftler
Der
ersten große Irritation durch die PISA-Studie folgte eine Welle nationaler
Hypochondrie.
Wenn wir schon nicht die Besten sind, so klang es manchmal, sind wir wenigsten
Weltmeister
im Schulversagen.
Und dann bekam man die vielen Varianten von "Wir haben's doch schon immer
gewusst" zu hören.
Nachdem uns am 4. Dezember 2001 die harten Ergebnisse durchs Dach gehagelt sind,
käme es auf
Ideen und den Handlungswillen an, das "Haus des Lernens" zu reparieren
und umzubauen.
Stattdessen werden wieder nur die Löcher gestopft, vornehmlich mit Floskeln.
Klüger allerdings als die Wissenden mit ihren großen Sprüchen
sind die kleinen Leute.
Sie diskutieren weiter.
An den Arbeitsplätzen, beim Abendbrot und in den Leserbriefspalten.
PISA wurde sogar Thema auf den Rosenmontagsumzügen.
Das kollektive Imaginäre unserer Bildungstradition ist erreicht und verstört.
Irritation, sagte Niklas Luhmann, ist die wichtigste Voraussetzung für
Lernprozesse.
Die Dummheit der Wissenden hingegen erkennt man an ihrer Irritationsresistenz.
Da sagt doch tatsächlich ein Lehrer voller Verachtung und ohne Ironie zu
seinen Schülern:
"Ich hab's euch ja immer gesagt, ihr seid die blödesten Schüler
auf der ganzen Welt.
" Ja, Weltmeister sind wir im Beschämen und im Recht haben."
Der FAZ beweist PISA, dass wir mehr Lateinunterricht brauchen. Und manche Altlinken
wissen, dass einzig Gesamtschulen Rettung versprechen. Nur vergessen sie dabei,
dass die deutschen Gesamtschulen die Selektion noch schärfer betreiben
als das dreigliedrige
System, zuletzt bewiesen in LAU, der Hamburger Studie über
Lernausgangslagen. Selektion ist ein Wort, dass man sich in Deutschland ab und
zu im Kopf
zergehen lassen muss.
Das rigide Sortieren sitzt viel tiefer als bloß in der Organisation unseres
Schulsystems,
das man immer noch glaubt mit ingenieurmäßigen Umbauten modernisieren
zu können.
Die Schwäche des deutschen dreigliedrigen Schulsystems ist nicht nur, dass
es die Chancen
aller zu wenig fördert und die Talente von zu vielen verkommen lässt.
Auch das.
Das Problem hinter den Problemen ist, dass das selektive
System die Schulen aus der Verantwortung entlässt, sich um schwierige,
abweichende und
eigensinnige Schüler zu kümmern.
Das vergiftet die Atmosphäre. Schüler werden vom Gymnasium in die
Realschule und
von dort in die Hauptschule exportiert, wo manche Lehrer davon überzeugt
sind,
eigentlich Sonderschüler vor sich zu haben. "In der Sonderschule für
Lernbehinderte
sollte ich Schüler testen, ob sie nicht eigentlich auf die für geistig
Behinderte gehörten.
" Daran erinnert sich PISA-Forscher Eckard Klieme, der früher als
Schulpsychologe arbeitete.
Deutsche Lehrer haben geradezu eine Obsession, die falschen Schüler zu
haben.
An den Hochschulen wird die Zwangsvorstellung fortgesetzt. "Die Hälfte
von Ihnen gehört
ohnehin nicht hierher", so begrüßen Hochschullehrer, zumal in
Naturwissenschaften,
gerne ihre Erstsemester. Welch Initiationsritual. Das führt zu einer fatalen
Grundstimmung,
die Schüler und Studenten so interpretieren müssen: Willkommen bist
du hier nicht.
Zu selten hören sie von ihren Lehrern: Seht her, dies ist unsere Welt,
dieses ist schwierig, jenes spannend, das ist schön, und manche Anstrengung
ist so unvermeidlich wie der Abwasch nach
dem Essen. Zu häufig infizieren die Lehrer ihre Schüler mit einer
Haltung, als wären
sie Untermieter in der Welt, und wiederholen
in vielen Varianten: "Ich war es nicht - ich bin es nicht - es steht im
Lehrplan ...
" Verdirbt solch schwachen Erwachsenen nicht
bereits das Wissen, das sie weitergeben wollen, in ihren Händen? Können
sie durch
ihre Person beglaubigen, was sie mitteilen wollen?
Vielleicht bildet dieses schreckliche "Nicht-Ich", bilden Schuldzuweisungen
und
die Tendenz, sich die Hände in Unschuld zu waschen, eine starke Ursache
für die
deutsche Lernbehinderung.
Weder Japan, Finnland, noch Kanada, die PISA-Sieger, kennen unsere Neigung zur
Selektion.
In Schweden ist Leistungsdifferenzierung
bis zur 9. Klasse gesetzlich verboten. Auf die Frage, warum sie Selektion bis
zur Mitte der
Pubertät vermeiden, hört man in Finnland wie in Japan, man dürfe
Kinder nicht beschämen.
Ein Blick in den Spiegel, und PISA ist ein Spiegel, zeigt unsere misanthropischen,
besserwisserischen,
häufig zur Demütigung anderer neigenden Züge. An welcher deutschen
Schule lautete das Motto
schon "Love and Consequence", wie an vielen schwedischen Schulen?
Wo ist unsere Denkschrift "For the Love of Learning", mit der vor
Jahren im kanadischen Ontario
die Schulreform eingeleitet wurde?
Die Seele des Lernens ist die Differenzierung
"Es gibt kein anderes Land mit so homogenen Lerngruppen," stellt PISA-Chef
Jürgen
Baumert für Deutschland fest, "und trotzdem sind sie uns immer noch
zu heterogen."
Der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung legt den Finger
auf die vernarbte
deutsche Wunde. Wir haben Schwierigkeiten im Umgang mit Unterschieden und Abweichungen.
So werden zwei Chancen vertan: erstens Kindern und Jugendlichen ihre Individualität
zuzuerkennen,
und zweitens zu erkennen, dass die Seele des Lernens die Differenz und nicht
die Identität ist.
Insofern gibt es eine Ähnlichkeit zwischen der Verehrung der einen richtigen
Lösung im deutschen
Unterricht und dem Pochen auf den richtigen,
in die jeweilige Schule passenden Schüler. Die wichtigste PISA-Lektion
wäre, in den Schulen
endlich eine Kultur der Anerkennung zu entdecken, sich von der verbreiteten
Unkultur der
Beschämung und Aberkennung zu lösen.
Dieses Resultat der Schulforschung ist wohl unabweisbar: Mit der Anerkennung
der
Individualität von Schülern lässt sich deren Leistung steigern,
und mit dem Erkennen von
Differenz erhöht sich auch die Intelligenz der Institution. Ein Beispiel
dafür, wie tief unsere
Ignoranz in uns sitzt: Beim Schwedenbesuch einer Delegation von Schulräten
und Bildungsplanern wurde
immer wieder erstaunt gefragt: Wie kommen sie zu diesen Spitzenleistungen, obwohl
sie keine
Leistungsdifferenzierung bis zum Ende der gemeinsamen neunjährigen Schule
vornehmen?
Was, so gute Leistungen, obgleich es bis zur 8. Klasse keine Noten gibt?
Erst recht Kopfschütteln beim Oberstufenvergleich in Mathe, bei dem die
schwedischen Schüler
im Mathematik- und Naturwissenschaftsvergleich der TIMSS-Studie internationale
Spitze sind,
obgleich dort die Sekundarstufe II von mehr als 90 Prozent eines Jahrgangs besucht
wird
und mehr als 70 Prozent des Geburtsjahrgangs die Hochschulreife erwerben!
Immer wieder dieses ungläubige Obwohl und Obgleich. Nicht mal ein Versuch
mit dem Wörtchen Weil.
Dabei gehörten die Schwedenreisenden überwiegend zur rot-grünen
Reformfraktion.
Man akzeptiert bei uns den Verzicht auf Selektion als einen Tribut ans Soziale,
förderlich vielleicht
dem Kinderglück, nicht aber von Vorteil fürs Lernen selbst. Die Deutschen
scheinen sich im Zweifelsfall
einig zu sein: Es kann doch gar nicht sein, dass freiere und auf Gemeinschaft
setzende Schulen auch
noch die erfolgreicheren sind. Man glaubt eher, dass Unterschied und Gemeinschaft
sich ausschließen.
Wie nur können wir stärkere Gemeinschaften schaffen und Unterschiede
der Individuen respektieren?
Gemeinschaft und Differenz sind Pole, die sich gegenseitig aufladen, keine Gegensätze,
die sich gegenseitig ausschließen.
Schon bei TIMSS, der PISA vorangegangenen internationalen Studie über Mathematik
und
Naturwissenschaften, hieß das irritierende Ergebnis: "Je anspruchsvoller
die Matheaufgaben werden,
desto deutlicher treten die Schwächen der deutschen Schüler hervor."
Und noch ein internationales
Ergebnis,
das allerdings kaum zur Kenntnis genommen wurde:
In der gerade abgeschlossenen internationalen CIVIC-Studie über politische
Bildung sind unsere Schüler Weltmeister
in Xenophobie, in der Angst vor Fremden und in der Ablehnung von Fremdem.
Weltmeister in Xenophobie
Gibt es einen Zusammenhang zwischen all diesen Befunden? Ein verbindendes mentales
Band zwischen
einem verbreiteten schematischen Denken, das die Mathematikstudie herausfand,
einer Leseschwäche,
wie sie PISA ans Licht brachte und schließlich der Schwierigkeit, sich
mit Fremdem und Fremden anzufreunden?
Betrachten wir eine Gewebeprobe der Schule, den Unterricht in Mathematik und
Naturwissenschaften.
Machen wir einen Rekurs zur aufschlussreichen Studie über Mathematik und
Naturwissenschaft,
der "Third International Mathematic and Science Study", TIMSS, und
folgen wir dabei der Interpretation
von Jürgen Baumert, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.
Der wissenschaftliche Leiter für die PISA-Erhebungen und -Auswertungen
in Deutschland war auch schon
für TIMSS verantwortlich.
Die TIMMS-Videostudien boten ihm Einblick in die Kultur des Mathematik-Unterrichts.
Dabei entdeckte er,
dass in Japan häufig Aufgaben gestellt werden, die mehrere Lösungen
haben und zu denen es noch mehr Wege gibt.
Er hat die verborgenen Unterrichtsskripte in den verschiedenen Ländern
heraus präpariert.
In Deutschland sieht es etwa so aus: Die Klasse soll wie in einem Spiel mit
verteilten Rollen herausfinden,
was dem Lehrer als fertige Lösung und als richtiger Weg längst vorschwebt.
"Dabei," so Jürgen Baumert, "stören immer zwei Sorten
von Antworten: die intelligente Antwort,
die vorgreift und beiseite geschoben werden muss, und der Fehler." Beide
könnten wichtige Ressourcen sein.
Die Asiaten machen uns das vor.
Für Baumert steht fest, dass die Veränderung deutscher Schulen zumindest
eine Generation dauern wird.
Das lange mitgeschleppte und - wie er sagt - "überlernte" deutsche
Unterrichtsskript, das die Schüler nicht
zu Selbständigkeit und Neugier animiert, sei zu überwinden. Dazu müssten
sich Lehrer endlich für die Wirkungen
dessen, was sie tun, interessieren und "ihre eigene Arbeit beobachtbar
und kommunizierbar machen".
Denn solange Lehrer nicht zusammenarbeiten und untereinander keine "Sprache
entwickeln, die nicht verletzt,
sondern sachbezogen ist", werden auch mehr Geld und mehr Stellen in Schulen
nichts ausrichten.
Bloß mehr Unterricht zu verlangen, der dann nicht besser werde, mache
alles eher noch schlimmer.
Fast hätte man es sich gedacht. Baumert kann es beweisen. Mehr schlechter
Unterricht ist schädlicher
als weniger schlechter Unterricht.
Baumert kann auch nachweisen, dass der Leistungsstand der Schüler weder
von der Klassengröße, noch
von der Menge der Unterrichtsstunden und auch nicht von der Systemfrage Gesamtschule
oder Gymnasium abhängt.
Wichtig dagegen sind Klima, Geist, ja Eigensinn der jeweiligen Schule. Es kommt
drauf an, ob der Unterricht
"kognitiv anspruchsvoll" ist, ob Schüler mit methodischem Handwerkszeug
lernen, Probleme schrittweise
zu zerlegen und selbst Lösungen zu finden, auf eigenen Wegen, auch Umwegen.
Lernen sie diese zu reflektieren,
oder werden sie darauf konditioniert, scheinheilig so zu tun, als ob sie alles
verstanden hätten?
Ist die Sache für sie wichtig, spannend und auch geheimnisvoll, oder versuchen
sie opportunistisch zu erspüren,
was ihr Lehrer wohl meint?
Die Ursachen für die Schwächen der deutschen Schüler liegen nicht
in leicht behebbaren Mängeln
der Schulstruktur, sie liegen tief sedimentiert in den Ablagerungen der Kultur.
Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern ist bei uns schulisches Lernen nicht
besonders beliebt.
Bisher konnten sich viele
damit trösten, wenn unsere Schulen auch kein Vergnügen sind, so sind
sie wenigstens effektiv,
so nach dem Selbstüberwindermotto: Nur bittere Medizin wirkt. Andere verfielen
bei uns dem Glauben
an das Gegenteil: Hauptsache es geht den Kindern gut!
Leistung ist nicht so wichtig.
Dann wurde ein Glas Limonade neben den Bitterstoff gestellt und manchmal wurde
nur noch
seichtes Gesöff ausgeschenkt. Im internationalen Vergleich zeigt PISA:
Wir brauchen eine
andere Ernährung. Was schmeckt, ist gewöhnlich das Bekömmlichere.
Gut zubereitetes Essen,
zudem kultiviert inszeniert, vergisst weder der Geist noch der Körper.
Aber vielleicht muss man
noch tiefer ansetzen. Die Nahrung muss erst mal gehalten werden.
Häufig ist Bulimie das Problem, Fressen und Kotzen, Pseudolernen und Vergessen.
Oft ist Bluff,
diese unglaubliche Energievergeudung, das Hauptfach von der Grundschule bis
ins Studium.
Neben der Arbeit an der mentalen Feinstruktur muss die Makrostruktur des Systems
neu gedacht werden.
Hier ist das PISA-Ergebnis ganz eindeutig: "Schulen schneiden im internationalen
Vergleich um so
besser ab, je autonomer sie sind", sagt Andreas Schleicher von der OECD.
Die gut platzierten
skandinavischen Länder haben ihre traditionell zentralistischen Systeme
dezentralisiert.
An die einzelnen Schulen in Schweden geht das ganze Geld, auch das für
Lehrergehälter.
Die Zentrale gibt in diesen Ländern Ziele vor und kontrolliert die Ergebnisse.
Zur Autonomie gehört
Rückmeldung. Dialog ist das allerwichtigste. Den Weg zum Ziel überlässt
man der jeweiligen Schule.
Um ihren eigenen Weg zu finden, muss sie mit sich selbst in Dialog treten.
Kinder darf man weder gängeln noch beschämen
Doch
auch mit den Hochschulen steht es nicht zum Besten. Allzu oft stößt
man hier auf das
kleinbürgerliche Syndrom, das in dem Wahn besteht, die Welt schulde einem
immer noch was; wer selbst gebe,
sei der Dumme. Nur selten sind in Deutschland Ehemalige bereit, ihrer Uni etwas
zurück zu geben,
außer den Tritt, den sie hier häufig meinen empfangen zu haben.
Dies wird nun in Deutschland angesichts weltweit lernender Gesellschaften zum
harten Problem.
Bildung ist eben nicht nur Qualifikation, schon gar nicht staatlich organisierbare
Versorgung.
Es ist auch ein Gespräch, ein Selbstgespräch der Gesellschaft und
ein Dialog mit der nächsten Generation.
Daran vor allem hapert es bei uns.
Was tun? Lernen können wir in der Tat von anderen Ländern. Die vor
Jahren vom damaligen
Rektor des Berliner Wissenschaftskollegs, Wolf Lepenies, verlangte globale Lerngemeinschaft
steht an. So könnte man sich einen schönen Spruch von den Dänen
borgen.
Als Dänemark im 19. Jahrhundert nach dem verlorenen Krieg gegen England
darnieder lag,
beschloss der König, den Haushalt für Kunst und Bildung zu erhöhen.
Der Finanzminister protestierte.
Der König aber - und das ist kein Märchen - antwortete: "Arm
und elend sind wir sowieso,
wenn wir jetzt auch noch dumm werden, können wir aufhören ein Staat
zu sein."
Oder nehmen wir die Finnen, Weltmeister im PISA-Vergleich. Den Grund für
die ausgezeichneten
Leistungen finnischer Schüler finden wir in der Vorschule und in den ersten
Schuljahren.
Vorschullehrer haben dort studiert.
Je jünger die Kinder, desto kleiner die Lerngruppen. Man reibt sich die
Augen, wenn man in den
Raum einer Gruppe von Sechsjährigen im mittelfinnischen Jyväskylä
geführt wird:
Fünfzehn Kinder, zwei Vorschullehrer und eine Assistentin.
Das sind beeindruckende Relationen. Finnland wendet 7,3 Prozent des Bruttoinlandproduktes
für Bildung auf.
In Deutschland ist diese Investition von 5,7 auf 5,5 Prozent gefallen, der staatliche
Anteil ist
seit 1980 in Deutschland sogar von 5,2 auf 4,2 Prozent des Bruttosozialprodukts
geschrumpft.
Aber die finnische Gesellschaft investiert nicht nur mehr Geld, sie investiert
vor allem mehr Vertrauen
in die Kinder. Das Ergebnis ist eine ruhige, konzentrierte Atmosphäre.
Und immer wieder hört man dort: Kinder darf man niemals beschämen
und nicht gängeln.
Respekt ist die Basis von Bildung in Finnland. Kein Wunder, dass die Erwachsenen
den Respekt,
den sie Kindern zollen, von ihnen zurück erhalten.
5075 Dollar ist den Finnen im Jahr ein Grundschüler wert, den Deutschen
nur 3531 Dollar.
Der Anfang ist am wichtigsten.
So gibt es Starterklassen für Schulanfänger mit Entwicklungsnachteilen.
Dafür ausgebildete Speziallehrer arbeiten täglich
mehrere Stunden mit Kleinstgruppen von durchschnittlich fünf Kindern, damit
sie bald mit den
anderen in eine Klasse gehen können. Man glaubt daran: Jedes Kind lernt
lesen, schreiben,
rechnen und Fremdsprachen, wenn man dafür das Fundament schafft.
In der Schule, es ist eine Gesamtschule, kommt der Besucher nicht aus dem Staunen
heraus.
Nach der zweiten Landessprache Schwedisch und nach Englisch ab der dritten Klasse,
geht es
in der fünften Klasse bereits mit einer weiteren Fremdsprache los.
Langsam starten und dann Gas geben, dass ist ein Geheimnis des finnischen Erfolgs.
Je älter der Schüler, desto unwichtiger
sind die Lehrer
Alle Schulen sind Ganztagsschulen, zu Schulen ohne eigene Bibliothek kommt zweimal
die
Woche der Bücherbus.
Im traditionellen Leseland stehen Bücher ungebrochen in hohem Kurs.
Aber auch Natur- und Technologiebegeisterung schließen sich im Land von
sechs Millionen
Handys und fünf Millionen Einwohnern nicht aus. Computertechnik soll die
Zusammenarbeit steigern.
Und je älter die Schüler, desto unwichtiger werden die Lehrer. Man
reibt sich abermals die
Augen: In den Oberklassen werden finnische Schulen billiger als deutsche. Jugendliche
wurden
vom Erreger, selber etwas zu wollen, angesteckt.
Fast 60 Prozent gehen nach der neunjährigen Gesamtschule weiter.
Die Klassen 10,11 und 12 der allgemeinbildenden Schule nennt man Gymnasium.
Aber auch
an Berufsschulen können die Finnen die Berechtigung zum Studium erwerben.
Finnland ist dabei, eine Lerngesellschaft zu werden. Das Ziel "Kommunikationsgesellschaft"
wurde 1995 sogar in die Verfassung aufgenommen. Die dafür vom Parlament
gesetzte Marke,
70 Prozent eines Jahrgangs soll studieren, wurde im Winter des Jahres 2002 fast
schon erreicht.
Wenn man nach dem kurzen Zoom zum PISA-Weltmeister Finnland den Blick über
den Globus
schweifen lässt und neben die Weltkugel die Bildungsstatistiken der OECD
legt, dann fällt
abermals ein deutscher Sonderweg auf:
Der Anfang wird vernachlässigt. So ist den Dänen ein Grundschüler
6700 (kaufkraftbereinigte)
Dollar im Jahr Wert. Japan und die Schweiz geben fast ebensoviel aus. Die USA
investieren fasst
6000 Dollar pro Kopf in der Primarstufe. Unser Land liegt weit unter dem internationalen
Schnitt bei,
wie gesagt, 3531 Dollar. Nicht überall steht Deutschland in der Bildungsstatistik
so schlecht da wie
beim Vergleich der Grundschüler. Es bewegt sich im Mittelfeld. Für
ein Land, das Weltmeister sein will,
ein schwaches Ergebnis. Denn Bildung wird der entscheidende Wind im Zeitalter
der Globalisierung sein.
Obgleich Lernen weltweit Konjunktur hat, zeigt die OECD-Bilanz von 21 Industrienationen,
dass der
Anteil der Bildung am Bruttosozialprodukt rückläufig ist: von 5,7
auf 5,5 Prozent - und zwar in den
wirtschaftlich fetten Jahren zwischen 1995 und 1998. Das besorgt die OECD-Analytiker
in der Pariser
Rue André-Pascal, zumal sie nachweisen, wie stark der Einfluss des Humankapitals
geworden ist.
Unter ökonomischen Faktoren wie Inflation, Rohstoffen oder der Nachfrage
geht vom Humankapital
die stärkste Wirkung auf das Wirtschaftswachstum aus.
Weltweit zieht es Jugendliche länger in die Schulen und Hochschulen.
In den Neunzigerjahren ist die durchschnittliche
Ausbildungsdauer in den Industrieländern um fünfzehn Monate auf 16,4
Jahre gestiegen.
Vor allem im Studium und bei der Berufsausbildung registrieren die OECD-Skalen
in vielen
Ländern Bewegung. Die Zahl deutscher Studienanfänger stagniert bei
28 Prozent.
Unserer Land gehört zu den wenigen, in denen die Anfängerquote in
den vergangenen Jahren
nicht gestiegen ist. In der Spalte "Veränderungen der Studierendenzahl"
belegen wir den letzten Platz.
Der OECD-Durchschnitt liegt bei 45 Prozent.
Über die Intensität von Lernzeiten müssen Statistiken schweigen.
Berechnen lässt sich allerdings,
was passiert, wenn aus dem auch dank Bildung erwirtschafteten Reichtum zu wenig
Geld zurück fließt.
Die OECD hat in einer anderen Studie Szenarien durchgespielt und als empfindlichste
Stelle den Lehrerberuf
ausgemacht. Bleibt der pädagogische Nachwuchs den Schulen fern, droht dem
ganzen System der Kollaps.
Die Fieberkurven der Statistiker deuten darauf hin, dass sich am Berufsbild
und im Schulalltag der Lehrer
einiges ändern muss. International übrigens bleiben die Lehrergehälter
hinter der allgemeinen
Einkommensentwicklung zurück. Ein Zeichen für
Wertschätzung ist das nicht.
(
Quelle: Medienbrief Nr. 2 Medienzentrum Rheinland Düsseldorf)